Heute vor 35 Jahren: Die Tragödie der Challenger

STS-51-L: Eine kryptische Zahlenkombination, die kaum jemandem etwas sagt. Es handelt sich hierbei um dem Namen jener Space Shuttle Mission, die am 28.01.1986 in einer Tragödie endete. Unser Host Sebastian nimmt das zum Anlass, sich als Space Nerd zu outen und über die Ereignisse jenes verhängnisvollen Tages zu sprechen.

Grafik: Sebastian Steinbach, Mission Patch: NASA

„1998 war ich mit meiner Schwester und meiner Mutter im Kennedy Space Center in Cape Canaveral, Florida. Damals war der Visitor Complex und der Rocket Garden noch frei zugängig und die beiden Damen haben mir, damals 12 Jahre alt, den Wunsch erfüllt einen Abstecher dorthin zu machen. Für andere Kinder in dem Alter (wie zum Beispiel meine Schwester) war Orlando das Paradies: Disney World. Sea World, unzählige Vergnügungsparks. Mich interessierte nur das KSC. Da dieses aber weit außerhalb liegt, war es uns damals nicht möglich, die Bus Tour zu den Startrampen zu machen und das Apollo Center zu besuchen. 21 Jahre und unzählige Florida Aufenthalte später habe ich mir diesen Kindheitswunsch erfüllt. Alleine, nur ich und diese beeindruckende Welt rund um die größten technischen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Es war der letzte Tag meiner Floridareise. Ich bin morgens um 4 Uhr bei meiner Tante in der Nähe von Fort Myers, an der anderen Küste losgefahren und musste am nächsten Morgen von Miami aus nach hause fliegen. 5 Stunden nach Cape Canaveral und nochmal 5 nach Miami, wo ich für die letzte Nacht ein Hotel hatte galt es zu überbrücken um einen Tag im KSC zu verbringen. Und es war jede Meile und jede Minute wert. Denn ich bin extrem Luftfahrtbegeistert, aber meine Passion ist die Raumfahrt.

Zufahrt zum KSC Visitor Complex
Foto: Sebastian Steinbach

Im Kennedy Space Center gibt es ein recht junges Gebäude – die „Atlantis Exprerience“. Es handelt sich dabei um eine Ausstellung, deren Herzstück der Orbiter Atlantis ist. Eine tolle Installation, die – USA typisch – mit viel Spektakel aufgebaut ist. Eine ganze Reihe von Filmen über das Shuttle Projekt in unterschiedlichen Räumen endet mit den Worten „welcome home, Atlantis“, die Leinwand hebt sich und dahinter taucht die originale Atlantis auf.

Die Atlantis Experience im Kennedy Space Center, Fotos: Sebastian Steinbach

Im Erdgeschoss dieser Einrichtung gibt es dann aber, nachdem man sich von dem beeindruckenden Orbiter trennen konnte, noch eine viel emotionaler Installation: Das Challenger und Columbia Memorial. Es wäre zu Aufwändig dies jetzt im Detail zu beschreiben, aber das Kernstück sind Teile der beiden verunglückten Raumfähren, die sehr würdevoll in Szene gesetzt sind.

Das Challenger und Columbia Memorial in der Atlantis Experience, Fotos: Sebastian Steinbach

Das erste dieser beiden Unglücke jährt sich heute zum 35. Mal. Ich war damals noch nicht geboren, ziemlich genau einen Monat später sollte ich zur Welt kommen.

Meine Leidenschaft für die Raumfahrt hat sehr früh begonnen. Ich habe alles, was ich zu dem Thema finden konnte in mich aufgesogen. Und besonders das Space Shuttle Programm hat es mir angetan. Klar, die Apollo Missionen waren nach heutigem Standart absoluter Wahnsinn, und die verwendete Rakete eine absolute Meisterleistung der Technik.

Das Space Shuttle wirkt heute immer noch irgendwie modern. Aber auch bei dieser Idee – die in einer Erfolgsgeschichte gipfelte – waren Genie und Wahnsinn verdammt nah beieinander. Im Prinzip hat man eine Segelflugzeug genommen, das jedem erdenklichen aerodynamischen Prinzip eines Segelflugzeugs widerspricht, zwei Feststoffraketen druntergeschnallt, die je 500 Tonnen Treibstoff enthielten und einmal gezündet nicht wieder abgeschaltet werden konnten. Wahnsinn. Reicht nicht? kein Problem: Dann hat man an besagtes Segelflugzeug drei Raketentriebwerke angeflanscht, und 1,5 Millionen Pfund flüssigen Sauerstoff sowie 230.000 Pfund flüssigen Wasserstoff als Treibstoff für diese in einen filigranen externen Tank gepackt. Das ganze hat man dann hochkant hingestellt, 2 – 7 Menschen reingesetzt und ins All katapultiert.

Wem das jetzt immer noch nicht an Wahnsinn reicht, dem möchte ich gerne noch ein paar Worte zur „Landung“ mitgeben. Besagtes Segelflugzeug wurde nach erfolgter Mission zurück in die Erdatmosphäre gebracht und durch diese irrwitzig, mit dem Boden voran abgebremst. Das dazu verwendete Hitzeschild musste Temperaturen um 1.260° C aushalten. Zu diesem Schild mehr in einem anderen Blog Eintrag in der Zukunft, wenn ich über die Columbia schreibe.

War der Wiedereintritt geglückt ging es im Segelflug mit Hyperschallgeschwindigkeit (das bedeutet <Mach 5) und einer Gleitzahl von 1:Backstein (1:4,5) aus 46km Höhe Richtung Boden. Die Geschwindigkeit wurde dadurch weiter abgebaut, so dass man in 3.000 Meter den Enanflug einleiten konnte. Ah endlich Normalität. Von Wegen! Der Endanflug erfolgte in einem Winkel von 18-20° bei 300 Knoten (Vergleich: in der zivilen Luftfahrt gelten 5,5° als steil!) 2.000 Fuß, also etwa 600 Meter über dem Boden wurde der Anflugwinkel dann von „stumpfer Einschlag“ auf „Landen“ in einem sogenannten Preflare Manöver gewechselt und 10 Sekunden vor Ende dieses kontrollierten Absturzes hat man das Fahrwerk rausgeschmissen. Hier bitte im Hinterkopf behalten, dass es nur diesen einen Versuch gab. Mangels Antrieb gab es einfach kein Durchstarten. Aufgesetzt wurde dann mit einer Geschwindigkeit von 195 – 295 Knoten und mittels Bremsschirmen kam das Ding dann irgendwann zum stehen – Und das übrigens immer: Bei keiner einzigen Space Shuttle Landung kam es je zu einem Zwischenfall. Übrigens wurde der komplette final Approach von Hand geflogen, Computer hatten da offensichtlich und verständlicher Weise keine Lust drauf. Geübt wurde das ganze mit einer Gulfstream II die als „Shuttle Training Aircraft“ so modifiziert war, dass der linke Sitz im Cockpit der Ergonomie und Handhabung des Orbiters entsprach.

Funktioniert hat das alles übrigens im großen und ganzen überragend. 135 Missionen mit insgesamt 5 Orbitern. 134 erfolgreiche Starts, 133 erfolgreiche Landungen. 30 Jahre Space Shuttle, das Hubble Teleskop, Spacelab, der Bau der ISS. Das sind nur ein paar der Meilensteine.

Der heutige Blog Eintrag soll sich ganz bewusst mit dem Programm als solches beschäftigen und weniger mit dem schlimmen Ereignis, das sich heute jährt, denn dazu wurde in der Vergangenheit wirklich alles gesagt.

Trotzdem dürfen wir im Rahmen dieser Statistik erwähnen, dass das eben zwei mal in einer Katastrophe geendet ist. Am 28.01.1986 explodiert die Challenger aufgrund einer Dichtung an einem der Booster, die bei zu niedrigen Außentemperaturen versagt hat. Unter den Opfern ist auch eine junge Lehrerin, die gleichzeitig die erste Nicht – Astronautin im Weltall sein sollte. Unser Profilbild heute gedenkt jenen 7 Personen:

Die Challenger STS 51 L Crew vlnr. E. Onizuka, M. Smith, C. McAuliffe, F. Scobee, G. Jarvis, R. McNair, J. Resnik Foto: NASA

Francis Scobee, Commander

Michael Smith, Pilot

Judith Resnik, Mission Specialist

Ellison Onizuka, Mission Specialist

Ronald McNair, Mission Specialist

Gregory Jarvis, Payload Specialist

Christa McAuliffe, Payload Specialist, Teacher in Space

Das „Fallen Astronauts“ Memorial im Kennedy Space Center, Foto: Sebastian Steinbach

Der zweite Unfall eines Shuttles war der Absturz der Columbia am 01. Februar 2003, bei dem ebenfalls 7 Astronauten ums Leben kamen. Zu diesem Unfall werde ich am Montag, dem Jahrestag dieser Katastrophe ebenfalls schreiben.

Bis dahin, macht es gut, freut euch auf die morgen erscheinende Air Crash Podcast Folge „Der letzte Flug der Fußballer“ und auf bald… hier im Blog.“

Sebastian

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